Einflüsse des Leerstandes

Die vermehrt leer bleibenden Geschäfte prägen das Stadtbild immer stärker. Die ungenutzten Erdgeschosse gründerzeitlicher Blockrandbebauung dominieren das Straßenbild und ändern die typologischen Eigenschaften des Stadtgefüges.

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Der fehlende Lichteinfall in der dicht bebauten Stadt Wien, die wachsenden Verkehrsemissionen wie Lärm und Abgase, und der explodierende Flächenbedarf des ruhenden Verkehrs verschlechtern die Raumqualität des Erd-geschosses deutlich. Die Nutzung von Erdgeschossflächen als Wohnung oder Büro wird zum einen wegen der genannten ungünstigen physischen Konditionen zum anderen aber auch durch die relevanten Baugesetze verhindert oder eingeschränkt. Geschäftsflächen im Erdgeschossbereich sind außerhalb bestimmter Achsen der Einkaufsstraßen, der Umgebung von Marktplätzen, der Fußgängerzonen und der attraktiven verkehrsberuhigten Plätze der Stadt immer weniger gefragt. In diesem Zusammenhang können folgende Konsequenzen des Leerstandes erfasst werden:

  • Durch Geschäfts- und Gewerbesterben bleiben zunehmend mehr Stadtteile unterversorgt.
  • Durch den Leerstand in der EG-Zone kommt keine Interaktion zwischen Innen und Außen, zwischen den geschlossenen und freien Räumen des Straßenraumes zustande.
  • Ohne funktionierende Erdgeschosszone, die halböffentliche Räume bereithält verschwinden die Übergänge zwischen Privatem und Öffentlichem.

Die Gesichter der Bauten sind in erster Linie die Fassaden der Erdgeschosszone, deren Öffnungen werden immer öfter zugemauert oder zugeklebt. Die abgerissenen Werbeplakate und die verlassene Ausstattung der ehemaligen Betriebe prägen heute oftmals die Straßenbilder.

In Wien dürfen EG-Räume zu geschlossenen Garagen umgebaut werden. Die abweisenden Tore im Erdgeschossbereich, die häufig zu den Garagen neuer Dachgeschosswohnungen gehören, haben sich in den letzten Jahren vermehrt und transformieren die Fassaden auf dem Straßenniveau zunehmend zu ab-weisenden Sockelzonen. Die Löcher der Garageneinfahrten und -ausfahrten finden sich nicht nur an den neuen, sondern auch an den geschützten historischen Fassaden der gründerzeitlichen Bebauung.

Obwohl sich die MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung für Stadterneuerung, Stadtplanung und Stadtgestaltung gegen diese Entwicklung äußern, fehlen offensichtlich die rechtlichen Instrumentarien, um ihr entgegen zu wirken. Die zusätzlichen Geschossflächen der Dachgeschossbauten und damit der Bedarf der neuen NutzerInnen an Garagenplätzen, sowie die Vorschreibungen der Stadt zur Schaffung von PKW-Stellplätzen einerseits und das Streben nach besseren Mieteinnahmen und Vermarktungsmöglichkeiten andererseits, tragen wesentlich zum Umbau der Erdgeschossflächen bei. Zusätzlich ist der Glaube an die gewinnbringende Vermarktung von Garagenplätzen im Erdgeschoss stärker als der an die von Geschäftslokalen oder sonstigen Klein(st)gewerbeflächen. Das führt dazu, dass sich die EigentümerInnen mehrheitlich für die Mini-Garagen entscheiden. Es gibt jedoch noch keine gründlichen Untersuchungen zu den Entscheidungsmotiven der EigentümerInnen und Betreibenden.

Außerdem halten viele BauträgerInnen die Wohnnutz- oder Gewerbe-flächen im Erdgeschoss der neu errichteten Wohnbauten im Allgemeinen für nicht gewinnbringend vermarktbar. In der Regel werden EG-Räume diversen Abstellflächen und Serviceräumen zugeteilt. Im Gegenzug wird das Keller-geschoss zur Tiefgarage ausgebaut. Dadurch entsteht ein Gebäude, das von seinem umgebenden Straßenraum abgeschnitten ist und extrem introvertiert wirkt. Die historischen Haustore und Hauseingänge der Blockrandbebauungen bilden Sichtkorridore zu den innen liegenden, teils grünen Höfen und erweitern so die Straßenräume räumlich und optisch. Nach dem Abzug der Hofgewerbe-betriebe in den letzten Jahrzehnten auf Grund von Hofentkernungen, Standort-verlagerungen oder Ruhestand bleiben die Haustore der gründerzeitlichen Blöcke durchgehend geschlossen. Die Betriebe im Erdgeschoss befinden sich in einem Teufelskreis. Einerseits können sie immer schwerer weiter funktionieren, weil die Vitalität der Straßen zusammen mit der Frequenz der Laufkundschaft sinkt, andererseits sinkt die Belebtheit der Straßen weiterhin, weil Erdgeschossbetriebe schließen.

Zusammengefasst kann gesagt werden, die bislang multifunktionale, historische Bebauung Wiens verschließt sich auf der Ebene des ‚Nutzungsmixers‘ Erdgeschoss und der Privatverkehr beeinflusst die Nutzbarkeit der Straßenräume in vielerlei Hinsicht negativ.